Warum Baki mich angähnt und Luna sich an die Nase fasst – oder: wie Katzen lernen

Bei uns zuhause läuft manches anders als in anderen Katzenhaushalten. Und es liegt und steht einiger Katzenkram herum: Kartons, Katzenspielzeug, Rascheltunnel – das kennt man ja inzwischen aus den meisten Haushalten, in denen Katzen leben. In jedem Raum liegen bei uns außerdem Leckerchen und Katzenspielzeug griffbereit, hier und da liegt ein Clicker, Targetstab, Sitz- und Pfotentargets oder andere Trainingsutensilien. Hin und wieder sehe ich verwunderte Blicke, manchmal fragt ein Besucher danach, und selten – aber das sind für mich die schönsten Momente – erscheint auf dem Besuchergesicht ein wissendes Grinsen.

Unser Alltag läuft in der Regel recht unspektakulär ab: wir haben Rituale, die den Katzen sagen, was als nächstes passiert, z. B. wann ich für Interaktion zur Verfügung stehe und wann nicht. Gerade jetzt – während ich tippe – liegt Baki entspannt auf meinem Schreibtisch in seinem gemütlichen Nest und leistet mir Gesellschaft: er hat gelernt, dass er wenig bis keine Interaktion zu erwarten hat, wenn ich am Schreibtisch sitze und auf den Bildschirm schaue. Er ist trotzdem gern bei mir und schläft in meiner Nähe. Zwischendurch, in meinen Pausen (die sich oft nach ihm richten) clickern wir ein wenig. Diese Pausen leitet er fast immer damit ein, dass er mich angähnt. Das sagt mir, dass er jetzt gern ein wenig Interaktion hätte. Ob er dann clickern möchte, sehe ich daran, dass er Tricks anbietet, die er gern mag und gut kann. Diese Anfrage nach Interaktion hat er sich selbst ausgedacht. Das kam so: Wir haben das Gähnen auf Signal geübt. Da das eine recht anspruchsvolle Übung ist, wurde die Ausführung des Gähnens jedes Mal entweder sehr hochwertig oder sehr großzügig belohnt. Mit anderen Worten: Baki hat gelernt, dass „Anne angähnen“ sich sehr stark für ihn lohnt. Nach kurzer Zeit hat er angefangen, das bisherige Verhalten für „Ichhab Lust was mit dir zu machen“ durch das Gähnen zu ersetzen. Nachdem mir diese Bedeutung bewusst geworden ist, habe ich gezielt angefangen, Interaktion nach diesem Gähnen anzubieten. So wurde das Gähnen zu einem Signal für mich, zu einer Frage nach Interaktion mit dem Menschen. Luna hat sich übrigens auch so ein Signal ausgedacht: Sie fasst sich an die Nase oder hebt die Pfote (angedeutetes Nase anfassen).

 

In diesem kleinen Erfahrungsbericht steckt – neben der Niedlichkeit – ganz viel spannendes Lernverhalten. Es zeigt, wie Katzen lernen. Zum Hintergrund muss ich ein wenig ausholen und zwei Namen nennen, die jedem Menschen zwangsläufig über den Weg laufen, der beginnt, sich mit dem Thema Tiertraining zu befassen: Ivan Pavlov und B. F. Skinner. Diese beiden sind immer dabei, wenn Katzen – Menschen oder andere Tiere – lernen.

Klassische Konditionierung – Pavlovs Hunde

Pavlov hat sich zwar u. a. mit Hunden befasst, jedoch wurden die Mechanismen, die er beschrieben hat, schnell auch bei anderen Tieren erforscht und nachgewiesen – einschließlich des Menschen. Sein Thema war u. a. die so genannte klassische Konditionierung. Dabei geht es zum einen um die Vorhersagbarkeit von Reizen bzw. von Verhalten: Pavlovs Hunde begannen von alleine zu speicheln, wenn ein Signal die Verfügbarkeit von Futter vorhersagte. Heute weiß man, dass nicht nur körperliche Reaktionen wie Speicheln und andere Reflexe konditionierbar sind, sondern auch Gefühle. Wenn man so will, gibt der Lernmechanismus der klassischen Konditionierung Dingen oder Reizen eine Bedeutung – sowohl angenehmer als auch unangenehmer Natur. Das Gute und manchmal das Dumme dabei ist: diese Verknüpfungen passieren einfach: das Gehirn, oder besser das Bewusstsein kann sich gar nicht dagegen wehren. Wenn wir uns also keine Ankündigungen überlegen und danach konsequent immer die gleiche Konsequenz folgen lassen, sucht sich das Gehirn selbst Ankündigungen, die ihm eine Vorhersage ermöglichen, was als nächstes passieren wird. Dieser Umstand sorgt im Alltag oft für Missverständnisse und manchmal leider auch für unerwünschtes Verhalten. Aber wir können uns diesen Mechanismus auch zu nutze machen: sowohl um erwünschtes Verhalten aufzubauen als auch um unerwünschtes Verhalten weniger werden zu lassen.

 

Operante Konditionierung – Skinners Tauben

Skinner hingegen hat sich mit der zweiten assoziativen Lernform befasst: der operanten Konditionierung. Er griff dabei auf Forschung von Edward Lee Thorndike zurück, der u. a. mit Katzen gearbeitet hat: er setzte die Katze in eine so genannte „Puzzlebox“, eine Box mit mehr oder weniger komplizierten Schließmechanismen, die die Katze öffnen sollte) und stellte zum Anreiz draußen Futter außerhalb der Box gut sichtbar hin. Dann maß er die Zeit, die die Katze brauchte, um die Box zu öffnen. Skinner hatte einen etwas anderen Blickwinkel auf die gleiche Sache: er hat sich angeschaut, was notwendig ist, damit Tiere – er hat viel mit Ratten und Tauben gearbeitet – aus Konsequenzen

lernen, also aus den eigenen Erfolgen oder Misserfolgen. Man könnte sagen, die operante Konditionierung gibt den Dingen eine Funktion.

Die operante Konditionierung unterscheidet dabei 4 Möglichkeiten: zwei davon verstärken Verhalten, sorgen also dafür dass es zukünftig häufiger auftritt, und zwei davon bestrafen Verhalten, sorgen also dafür dass es zukünftig seltener auftritt. Dabei ist die Häufigkeit nicht die einzige Dimension die darauf hindeutet, dass ein Lernen stattgefunden hat. Auch wenn Verhalten intensiver (oder weniger intensiv), schneller (oder langsamer), häufiger (oder seltener) oder länger (oder kürzer) auftritt oder andauert, spricht das dafür, dass ein Lernen stattgefunden hat.

Wir unterscheiden heute die so genannten vier Quadranten der operanten Konditionierung.

Um Verhalten zu verstärken können wir der Situation

1.etwas Angenehmes hinzufügen: positive Verstärkung (freudige Verstärkung):

  • die Katze tut etwas und bekommt dafür Aufmerksamkeit, Futter, Spiel, Kuscheln,
  • Beispiel: Katze setzt sich vor die Balkontür anstatt daran zu kratzen –> Balkontür öffnet sich
  • die Katze freut sich über die Belohnung

 

2.etwas Unangenehmes beenden: negative Verstärkung (erleichternde Verstärkung)

  • die Katze tut etwas und dafür hört ein unangenehmer Reiz auf
  • Beispiel: die Katze liegt still und lässt sich Bürsten –> das ungeliebte Bürsten wird unterbrochen
  • die Katze ist erleichtert

 

Um Verhalten zu schwächen können wir der Situation

1.etwas Unangenehmes hinzufügen: positive Strafe (ängstigende Strafe)

  • die Katze tut etwas und erschreckt sich dabei
  • Beispiel: die Katze springt auf die Anrichte und stößt dabei den Topfdeckel herunter, der scheppernd zu Boden fällt –> die Katze erschrickt
  • die Katze empfindet dabei Angst oder Unwohlsein

 

2. etwas Angenehmes beenden oder vorenthalten: negative Strafe (frustrierende Strafe)

  • die Katze tut etwas und daraufhin hört das Angenehme auf
  • Beispiel: die Katze Kratzt beim Spielen –> das Spiel hört auf dabei ist
  • die Katze frustriert

Die Bezeichnungen „positiv“ und „negativ“ sind hier im mathematischen Sinne zu verstehen – also im Sinne von Zugeben und Wegnehmen, und nicht im umgangssprachlichen Sinne von „gut“ und „schlecht“.

Dabei muss unbedingt beachtet werden: Ob etwas angenehm oder unangenehm ist, entscheidet die Katze – oder besser ihr Gehirn. Es kann passieren, dass ich als Mensch meine Katze belohnen möchte, aber die Belohnung so ungeschickt wähle oder ausführe, dass die Katze sich dabei unwohl fühlt. Dann wird die gewollte Verstärkung unter Umständen zu einer (lerntheoretischen) Strafe. Und Strafe verringert Verhalten – das Gegenteil von dem was der Mensch mit der erdachten Belohnung erreichen wollte.

Die Top 20-Liste – eine Möglichkeit, seine Katze und ihre Bedürfnisse neu kennen zu lernen

Nicht nur darum lohnt es sich, eine so genannte Top 20-Liste zu führen und sich zunächst einen Überblick darüber zu verschaffen, was eine Katze eigentlich alles gern mag oder gern tut und ob das in jeder Situation so ist poder ob es EInschränkungen gibt. Diese Liste sollte auch aktuell gehalten werden, denn Bedürfnisse ändern sich. Hinter jeder möglichen Verstärkung steht ein (wenn auch kleiner) Mangel, den die Belohnung ausgleichen kann. Gäbe es diesen kleinen Mangel nicht, wäre die Belohnung nicht so begehrt und könnte gar nicht als Belohnung wirksam sein.

Lernen im Alltag

Warum also gähnt Baki mich an, wenn er etwas möchte? Ganz einfach: Er hat über die verschiedenen Konditionierungen und Konsequenzen gelernt, dass es sich lohnt, wenn er gähnt – denn dann folgt immer etwas Schönes von seinen Bezugspersonen. Inzwischen benutzt er das Gähnen, um meine Aufmerksamkeit zu erregen, wenn er meine Hilfe dabei braucht, ein aktuelles Bedürfnis zu stillen: wenn er Hunger hat, wenn er kuscheln möchte, wenn er spielen möchte, wenn er auf den Balkon möchte, wenn er gebürstet werden möchte etc.

Und Luna? Luna hat gelernt, sich an die Nase zu fassen – das ist inzwischen einer ihrer liebsten Tricks. Und auch sie setzt das „Nase anfassen“ ein, um meine Aufmerksamkeit zu erregen – meist in Kombination mit einem ganz leisen, sanften Maunzen. Sie hat gelernt, dass sich dieses Verhalten lohnt und danach immer etwas Angenehmes von ihren Bezugspersonen folgt. Sei es ein Leckerchen, eine Kuscheleinheit, das Balkontüröffnen, ein wildes Spiel oder das Bereitstellen des Katzengrases.

 

Neben diesen beiden Arten der Konditionierung gibt es weitere Lernformen, die für Katzen durchaus eine Rolle spielen. Diese lassen wir aber vorerst unter den Tisch fallen, da sowohl die klassische als auch die operante

Konditionierung sehr mächtige und hilfreiche Mechanismen sind, mit deren Kenntnis und zielführender Anwendung wir im Zusammenleben mit unseren Katzen schon so viel erreichen und erhalten können.