Es gibt so viele Möglichkeiten, ein Verhalten bei einer Katze zu verändern. Wir können die Lebensbedingungen der Katze soweit verändern und konstruktiv gestalten, dass sie das unerwünschte Verhalten nicht mehr zeigen muss. Wir können durch Enrichment und Empowerment dafür sorgen, dass sie sich insgesamt wohler fühlt und ihr Selbstbewusstsein stärken. Wir können unnötigen Stress vermeiden oder zumeist reduzieren. Und wir können über Training unseren Katzen alternative Wege aufzeigen, ihre Bedürfnisse zu stillen, ohne unerwünschtes Verhalten zu zeigen.

Stufe 1: So früh wie möglich eingreifen

Egal um welches unerwünschte Verhalten es sich handelt – Drohen in Richtung der anderen Katze, Kratzen an der Couch, Markieren, auf die Arbeitsplatte springen – entscheidend ist, dass wir so früh wie möglich eingreifen und die Katze in ihrem Tun unterbrechen. Je früher wir eingreifen, desto einfacher ist es, die Katze aus ihrem „Modus“ heraus zu holen. „So früh wie möglich meint dabei nicht erst, wenn das eigentliche unerwünschte Verhalten schon begonnen hat, sondern vorher. Bevor eine Katze etwas tut, das sie nicht tun soll, tut sie immer etwas, das wir Menschen noch OK oder sogar gut finden: bevor die Katze zur anderen Katze hingeht um diese zu bedrohen, schaut sie hin, orientiert sich zur anderen Katze. Bevor die Katze auf die Arbeitsplatte springt, sind noch alle vier Pfoten auf dem Boden oder sie visiert die obere Kante an. Bevor die Katze zur Couch geht um daran zu kratzen schaut sie hin oder begibt sich auf den Weg dorthin. Spätestens bei den ersten Ansätzen zum entsprechenden Verhalten sollten wir etwas unternehmen – das ist oft eine Orientierungsreaktion oder Bewegung auf etwas zu. Je später wir eingreifen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir keinen Fuß mehr in die Tür bekommen: Mit steigendem Erregungslevel und Fortschreiten des Verhaltens wird es immer schwerer, es noch zu unterbrechen.

 

Stufe 2: Unerwünschtes Verhalten unterbrechen, wenn es bereits begonnen hat

Haben Sie den Moment verpasst und die Katze hat bereits mit dem unerwünschten Verhalten begonnen, unterbrechen Sie es, indem Sie möglichst einen attraktiven Unterbrecher benutzen. Ein Verhaltensunterbrecher soll der Katze nichts neues beibringen, er soll lediglich die Aufmerksamkeit der Katze von dem, was sie da tut, abziehen und zu Ihnen umleiten. So kann die Katze besser auf Ihr Alternativangebot reagieren oder es überhaupt erst wahrnehmen. Ganz wichtig dabei ist, dass so ein Unterbrecher niemals allein stehen darf. Ihm muss immer eine neue Aufgabe für oder ein neues Angebot an die Katze folgen. Fehlt das, so macht die Katze ganz schnell weiter mit dem, was sie getan hat, bevor das Verhalten kurzzeitig unterbrochen wurde. Lassen Sie z. B. auf den Unterbrecher eine ruhige Clickereinheit folgen, ein ruhiges Stocherspiel, oder wenn sich zu viel Energie aufgestaut hat, ein Rennspiel. Füttern Sie Ihre Katze oder schenken Sie ihr Streicheleinheiten. Sollten Sie ein aufregendes Spiel einsetzen, helfen Sie der Katze bitte, im Anschuss ihr Erregungslevel wieder zu senken und sich zu entspannen: Spielen sie bald langsamer, wechseln Sie zum Clickern, bieten Sie eine Futterfummelei an oder eine Schmusestunde. Wenn Sie Ihre Katze auf dem hohen Erregungsniveau „hängen lassen“ ohne ihr zu helfen, herunter zu fahren, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder eingreifen müssen.

Beispiele für nette Unterbrecher

Im Endeffekt ist jedes Signal, das wir mit unseren Katzen üben und das wir vor allen Dingen über positive Verstärkung aufbauen, ein Unterbrechungssignal: die Katze unterbricht das was sie gerade tut, um das Verhalten auszuführen, wonach wir mit einem positiv aufgebauten Signal fragen. Auch das Markersignal, das 10-Leckerchen-Spiel oder ein Entspannungssignal sind gute Verhaltensunterbrecher. Wir kommen ein Katzenleben lang ohne ein „scharfes Nein“ oder andere unangenehme Unterbrecher aus.

Beispiel: Die Katze streicht bei der Futterzubereitung um die Beine und es besteht die Gefahr, dass man über sie stolpert. Auf das Signal „Kannst du Sitzen?“ setzt sie sich hin. Dadurch hört sie auf, herumzulaufen. Das Signal „Sitzen“ dient hier als Unterbrecher für das Umherlaufen.

Wenn Sie gezwungen sind, eine netten Unterbrecher einzusetzen, können Sie daraus schlussfolgern, dass Sie zu lange damit gewartet haben, ein Bedürfnis Ihrer Katze zu stillen. Bei Ihrer Katze hat sich Frust angestaut, sie hat Hunger, braucht Aufmerksamkeit oder Ihre Hilfe um sich abzureagieren. Haben Sie beim nächsten Mal ein genaueres Auge auf Ihre Katze und stillen Sie Bedürfnisse, bevor sie übermächtig werden.

 

Verhaltensketten

Sie fragen sich jetzt bestimmt, ob es so sinnvoll ist, das ungewünschte Verhalten Ihrer Katze (gefühlt) zu belohnen, indem Sie nett zu ihr sind und ihr womöglich sogar etwas Gutes tun, wenn das unerwünschte Verhalten schon angefangen hat. Hier ist tatsächlich etwas Feingefühl gefragt: Es besteht wirklich die Möglichkeit, dass die Katze sich merkt, dass z. B. immer, wenn sie die andere Katze anstarrt, ihre Bezugsperson die besten Spielzeuge oder Leckerchen hervor holt oder ihr Freigang ermöglicht. Wir umgehen diesen Stolperstein zum einen, indem wir nicht immer das Gleiche anbieten, wenn wir die Katze unterbrechen. Zum anderen muss natürlich das Angenehme, z. B. eine Clickereinheit, auch unabhängig von dem negativen Kontext angeboten werden. Wir bekommen Verhaltensketten, wenn immer nur dann geclickert oder gespielt wird, wenn die Katze das unerwünschte Verhalten zeigt. Bespaßen wir die Katze aber auch in anderen Situationen, ist die Gefahr, dass sich eine Verhaltenskette ausbildet, viel geringer. Auch wenn die Katze auf das, was sie in dem Moment unbedingt haben möchte, ein wenig warten muss, minimieren wir die Auftretenswahrscheinlichkeit dieser Verkettungen. Zum Beispiel können einige Tricks abgefragt werden, bevor die Terrassentür für den Freigang geöffnet wird.

Sollte es trotzdem passieren, dass sich eine solche Verhaltenskette bildet und abspeichert, ist das, wenn man es genau betrachtet, kein Weltuntergang. Denn wenn die Katze ab jetzt das ungewünschte Verhalten zeigt, um an die Belohnung zu kommen und nicht mehr, um den Auslöser zu vermeiden, haben wir die Grundstimmung zu diesem Auslöser verändert: Eine Katze, die wegen einer Belohnung unerwünschtes Verhalten zeigt, ist besser als eine Katze, die das aus Frust, Angst, Wut oder Ressourcenverteidigung tut. In dem Fall haben wir einen Fuß in der Tür und können am nächsten Schritt arbeiten.

 

Stufe 3: Alternativverhalten zum unerwünschten Verhalten aufbauen

Wir möchten auf Dauer und möglichst tiefgreifend ein alternatives Verhalten etablieren. Dafür brauchen wir viele Wiederholungen. Wir beginnen zunächst damit, ganz und gar losgelöst von der Situation, in der das unerwünschte Verhalten auftritt, ein alternatives Verhalten aufzubauen. Dafür eignen sich verschiedene Tricks wie „Sitzen“, „Liegen“, „geh auf deine Decke“, ein Nasentarget, Abwenden – je nachdem, welches unerwünschte Verhalten durch ein neues Verhalten ersetzt werden soll. Bei der Auswahl müssen verschiedene Aspekte berücksichtigt werden, u. a. die Funktion des unerwünschten Verhaltens, die Machbarkeit für die Katze und einige weitere.

Wenn das Alternativverhalten unter einer gewissen Ablenkung zuverlässig abrufbar ist, können Sie beginnen, es in der problematischen Situation entweder direkt abzufragen oder zuerst das unerwünschte Verhalten zu unterbrechen und dann das neue Alternativverhalten anschließend abzufragen.

Machen Sie es Ihrer Katze so einfach wie möglich, das Alternativverhalten zu zeigen.