Alle Jahre wieder …

​Der Jahreswechsel ist eine schlimme Zeit für viele Katzen und ihre Bezugspersonen. Der Weihnachtsstress wirkt noch nach und plötzlich ist es schon wieder so weit: Silvester steht vor der Tür und bringt viel Feuerwerk und Böller mit sich. Die meisten Katzen reagieren darauf mit Angst und manche sogar mit Panik. Sind es im Dezember noch vereinzelte Knallgeräusche, steigert sich die Belastung spätestens dann, wenn der Feuerwerksverkauf nach den Feiertagen beginnt. Mit der Zunahme des Böllerns steigt auch der Stresspegel unserer Katzen. Reize, die im normalen Alltag noch gut aushaltbar sind (z. B. vereinzelte, laute Knallgeräusche), rufen dann spätestens in der Silvesternacht ggf. Panik oder andere „unvorhersehbare“ Reaktionen hervor. Alle Jahre wieder.

In den vergangenen Wochen haben Sie schon viel darüber gelesen, dass Katzen nicht nur erziehbar sind, sondern dass es auch möglich ist, ihnen durch solche schweren Zeiten mit einem gut durchdachten Training hindurch zu helfen. Heute soll es aber – ein wenig abseits des Trainingsthemas – darum gehen, ob es schadet oder nutzt, wenn die Katze in solchen Angstsituationen Zuwendung durch Sie als Bezugsperson bekommt, oder anders gefragt: Verschlimmert Aufmerksamkeit die Angst der Katze?

 

Angst passiert einfach

Zunächst fehlt aber noch eine wichtige Information: Angst ist keine bewusste oder willentlich gesteuerte Emotion, sie passiert einfach. Angst ist auch erst einmal nichts Schlimmes. Sie ist sogar überlebensnotwendig und hat sich im Laufe der Evolution als sehr sinnvoll herausgestellt, so dass jedes Individuum sie in die Wiege gelegt bekommt – ebenso wie einige angeborene Angstauslöser. Dazu gehört unter anderem jeder Reiz, der plötzlich und laut auftritt – so wie Knallgeräusche.

Das ist eine wichtige Information, die uns als Bezugspersonen hilft, das Verhalten, das die Katze aufgrund von Angst zeigt, besser einzuordnen und damit konstruktiv umzugehen.

 

Stellen Sie sich vor …

Kommen wir zurück zu der Frage, ob Aufmerksamkeit durch eine Bezugsperson die Angst der Katze verschlimmert.

Ich möchte dazu ein kleines Gedankenexperiment wagen: Stellen Sie sich vor, Sie haben Angst, z. B. vor Spinnen. Nun sitzt so eine dicke fette Spinne dicht neben Ihnen. Sie drehen den Kopf und nehmen die Spinne plötzlich wahr. Die erste – unwillkürliche – Reaktion ist ein Schreck. Im nächsten Moment gehen Sie ein paar Schritte zurück und rufen schnell nach jemandem, der Ihnen in dieser misslichen Lage helfen kann, indem er z. B. das Tier einfängt und hinausbringt. Dieser Jemand erscheint, sieht die Spinne, fängt sie und bringt sie hinaus. Der Schreck sitzt noch in Ihren Gliedern, es schüttelt Sie beim Gedanken daran, dass sie längere Zeit so dicht neben dem Tier gesessen haben. Ihr Retter nimmt Sie in den Arm, sagt ein paar nette, beruhigende Worte und sucht auch den Rest des Zimmers nach Spinnen ab. In diesem Fall verschlimmert die Zuwendung und „Rettung“ ihre Angst nicht, oder? Sie fühlen sich stattdessen erleichtert und verstanden. Anders wäre es, wenn die zu Hilfe gerufene Person Ihre (gefühlte) Not ignoriert hätte oder genervt und gereizt lautstark geantwortet hätte, dass Sie sich nicht so haben sollen und einfach unter der Spinne durchgehen sollen, da sie Ihnen ja nichts tut und mehr Angst vor Ihnen hat als Sie vor ihr. Dieses Ignorieren, Nicht-ernst-Nehmen und Alleinlassen mit dem für Sie ernsten Problem „Spinne“ verbessert Ihre emotionale Situation nicht, im Gegenteil, sie wird vielleicht sogar verschlimmert, weil ein weiteres unangenehmes Gefühl hinzukommt, das Gefühl im Stich gelassen zu werden oder sogar ein Anraunzer.

 

Social Support ist Fürsorgeverhalten

Bei Katzen ist es nicht viel anders. Das, was der Retter im ersten Beispiel getan hat, nennen die Biologen im Tierreich „Social Support“. Es handelt sich um Fürsorgeverhalten, das einem jeden Säugetier mit in die Wiege gelegt ist.

Wenn in einer schlimmen Situation etwas Schönes dazu kommt, macht es die Situation in keinem Fall schlimmer! Kommt aber etwas hinzu, das sich unangenehm anfühlt, kann sich die Situation durchaus verschlimmern. Damit meine ich – besonders in Bezug auf Katzen so etwas wie Zwangskuscheln, „unter dem Bett hervorholen“, etc.

Eine andere Erklärung dafür, dass Fürsorgeverhalten eine Angst nicht verschlimmert ist die hormonelle: Es ist rein hormonell nicht möglich, Angst durch (echten) Trost – also durch etwas Schönes – zu verschlimmern! Die Hormone, die bei Entspannung, Vertrautheit, (echtem) Trost oder Körperkontakt zur vertrauten Bezugsperson ausgestoßen werden, und die Prozesse, die im Körper angestoßen werden, sind Gegenspieler zu den Angst- und Panik-Hormonen und -prozessen. Das bedeutet, wenn Ihre Katze bei Ihnen Schutz sucht und Sie für sie da sind, fühlt sie sich besser. Es besteht die Chance, dass sie die Silvesternacht besser ertragen kann.

Aber Achtung: Wenn Ihre Katze unter dem Bett oder im Schrank Zuflucht gesucht hat, lassen Sie sie dort, zwingen Sie sie zu nichts. Seien Sie in der Nähe, machen Sie beruhigende Musik an. Und bleiben Sie selbst ruhig! Ihre Katze spürt, sieht, hört und riecht, wenn Sie gestresst sind. Ein hektisches Streicheln, hektisches Atmen und verkrampftes Festhalten vermittelt Ihrer Katze keine Sicherheit! In dem Fall würden Sie die Situation tatsächlich durch den – gut gemeinten aber leider falsch ankommenden – „Trost“ schlimmer machen.

Luna genießt die Nähe zu ihrer Bezugsperson. Auch in unangenehmen Situationen hat sie gelernt, zu ihren Menschen zu kommen und sich Trost und Unterstützung abzuholen.

 

Bewältigungsstrategien erarbeiten

Wie jedes Jahr kommt der Jahreswechsel “ganz plötzlich”. In diesem Jahr ist noch Zeit, um das eine oder andere Hilfsmittel einzuführen, aufzutrainieren und zu etablieren. Die meisten Hilfsmittel, die mit Entspannungszuständen und Lernerfahrungen arbeiten, benötigen etwas Zeit im Aufbau, um dann in der Nacht der Nächte wirksam eingesetzt werden zu können. Denken Sie an Entspannungssignale, Entspannungsmusik, vielleicht an das rechtzeitige Auftrainieren eines Thundershirts oder einer Sicherheitszone. Es gibt einige weitere Hilfsmittel und Trainingsstrategien, die Ihrer Katze helfen können, die Silvesternacht besser als in den Vorjahren zu überstehen. Eine Katzenverhaltensberaterin Ihres Vertrauens hilft Ihnen und Ihrer Katze gern weiter und beantwortet Ihre Fragen.

Ein sicherer Ort für Baki: Der Kleiderschrank. Dort hat er einen festen Platz, der für ihn ausgeräumt wurde und der ihm jederzeit zur Verfügung steht. Er nutzt ihn nicht nur an Silvester um sich zurück zu ziehen, er schläft dort auch gern und entspannt. Das ganze Jahr über wird dieser Platz immer wieder mit positiven Emotionen aufgeladen, so dass er an Silvester oder ähnlichen Situationen eine echte Bewältigungsstrategie für Baki darstellt.

 

Fazit

Bitte trösten Sie Ihre Katze, wenn sie es annehmen kann. Versüßen Sie ihr die Silvesternacht mit netten Worten, ihrem Lieblingsspielzeug, ihrem liebsten Leckerchen, Ihrer Gesellschaft, einer einfachen Clickereinheit und bleiben Sie ruhig! Lassen Sie den Kleiderschrank offen, schaffen Sie Platz unter dem Bett und stellen Sie Ihrer Katze andere, sichere Rückzugsmöglichkeiten rechtzeitig zur Verfügung.