Signal oder Kommando

Anne Mausolf lebt mit ihren beiden Katzen Luna und Baki in Hamburg und arbeitet dort unter dem Namen „Katzenkummer verstehen – Verhaltensberatung für Katzen und ihre Menschen“ als Verhaltensberaterin für Katzen. Als solche berät sie Dich zu allgemeinen Fragen rund um das Thema „Katzen“ und unterstützt Dich mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung bei Herausforderungen und Problemen im Zusammenleben mit Deinen Vierbeinern.

Im heutigen Interview wird sie uns den für sie so wichtigen Unterschied zwischen einem „Signal“ und einem „Kommando“ erläutern und erklären, welche enorme Bedeutung es für sie in ihrem Alltag und im Training mit Katzen hat.

Frage: Liebe Anne, die Unterscheidung zwischen einem Kommando und einem Signal ist Dir sehr wichtig. Was meinst Du – was assoziiert man mit den Begriffen Kommando bzw. Signal?

Antwort: Umgangssprachlich werden beide Begriffe im Tiertraining ganz oft gleich gesetzt: Wenn man von seiner Katze möchte, dass sie sich hinsetzt, soll man das Kommando für „Sitzen“ geben, in der Regel als Befehl mit Ausrufezeichen und gewichtiger Stimme: „Sitz!“. Wird dann der Befehl von der Katze nicht ausgeführt, heißt es oft, dass Katzen nicht trainier- und nicht erziehbar sind. Das Gegenteil ist aber der Fall.

Ein Kommando ist für mich mit dem Militär, mit Kadavergehorsam und mit absoluter Pflichterfüllung assoziiert. Dabei muss ich immer an einen Kasernenhof mit in Reih und Glied stehenden, uniformierten Soldaten denken, die sich wie ein Organismus bewegen. Da ist kein Platz für das Individuelle, für persönliche Befindlichkeiten oder Bedürfnisse, für Fragen nach dem Sinn und Zweck. Einzig und allein die sofortige Ausführung des Befehls ist wichtig. Die Nichtausführung legitimiert entsprechende Sanktionen (Befehlsverweigerung, Kriegsgericht). Es schwingt eine gewisse Strenge und Hierarchie mit.

Ein Signal dagegen überträgt Informationen: es signalisiert, dass jetzt die Möglichkeit für ein bestimmtes Verhalten und eine bestimmte Verstärkung besteht. Ich denke da an eine Ampel, oder an eine Licht- oder Tonwelle. Es bedeutet Kommunikation, Austausch und Verständigung. Es ist eine Orientierungshilfe, ein Anhaltspunkt. Und es lässt Spielraum. Bei einem Signal ist Platz für all das, wofür beim Kommando kein Platz ist.

Frage: Wo liegt für Dich also der grundlegende Unterschied?

Antwort: Genau darin, im Platz für die Individualität. Wir alle sind Individuen, wir als Menschen genauso wie unsere Tiere. Manchmal kann man auf eine Aufforderung hin etwas nicht tun: weil es zu gefährlich ist, weil die Bewegung weh tut oder weil man viel zu beschäftigt mit wichtigeren Dingen ist. Darum frage ich meine Katzen auch immer „Kannst du Sitzen?“. Das klingt für mich viel freundlicher als ein „gebelltes“ „Sitz!“ – da schwingt immer so ein angedrohtes „sonst …“ mit. Diese andere Formulierung erinnert mich immer wieder daran, dass es nur ein Angebot an meine Katze ist, sich jetzt Click und Belohnung zu verdienen: Sie darf, aber muss nicht. Und wenn sie sich dafür entscheidet, das Angebot nicht anzunehmen, hat das keine negativen Konsequenzen für sie.
Auf der anderen Seite haben wir natürlich nicht nur Signale in unserem gemeinsamen Vokabular, sondern auch das eine oder andere Kommando. Ein Kommando im Zusammenhang mit dem Katzentraining ist für mich etwas, das jetzt passiert, egal ob die Katze das gut findet oder nicht. Zum Beispiel muss ich irgendwann los, wenn ich einen Termin habe. Dann müssen die Katzen vom Balkon reinkommen, damit ich die Balkontür schließen kann – es wäre zu gefährlich, sie unbeaufsichtigt allein draußen zu lassen, trotz Katzennetz. Wenn sie dann nicht auf Signal freiwillig reingehen, kündige ich ein Hochheben an, nehme die Katze hoch und trage sie hinein. Das wird natürlich belohnt und drinnen gibt es viele tolle Fummelspielzeuge die sie dann leeren können. Durch unser Training passiert das auch nur äußerst selten, dass ich so etwas wie „reingehen“ durchsetzen muss. In der Regel klappt es freiwillig.

 

Video: Anne-Katrin Mausolf und ihre Katzen Baki und Luna

In diesem Video sehen wir erlernte Signale, die ein Verhalten auslösen. Baki hat gelernt, auf Signal zu gähnen. Luna legt auf Signal ihre Pfote in meine Hand, senkt ihre Kopf oder bringt ihre Nase in die Nähe meines Fingers.Würden sie nach dem erlernten Signal nicht das erlernte Verhalten zeigen, lächle ich und denke darüber nach, warum es nicht geklappt hat: Haben sie noch nicht verstanden, was sie machen sollen, ist die Ablenkung gerade zu groß oder gibt es viellicht körperliche Probleme, warum ein Verhalten gerade nicht ausgeführt werden kann?

Frage: Warum ist Dir diese Unterscheidung so enorm wichtig?

Antwort: Ludwig Wittgenstein hat gesagt: „Sprache schafft Wirklichkeit“. Und er hat so Recht damit. Je nachdem, welche Worte ich benutze, je nachdem ist meine Erwartungshaltung und Stimmung, die sich natürlich auch über die Tonlage, Lautstärke und den Ausdruck transportiert. Darum achte ich, besonders in der Beratung, sehr auf meine Wortwahl. Zum Beispiel rede ich nie von Katzenbesitzern (wie soll man ein Lebewesen mit einer Persönlichkeit und einer Seele besitzen) sondern vielmehr von Bezugspersonen. Dieses Wort trifft die Beziehung, die ich zu meinen Katzen habe und auch haben möchte, viel genauer. Genau so ist es mit den Signalen und Kommandos bzw. den Befehlen im Training. Ich bitte vielmehr um ein Verhalten als dass ich danach verlange, weil ich kein Befehlsgeber und meine Katzen keine Befehlsempfänger sind. Es hat auch etwas mit Wertschätzung für diese Tiere und ihre Persönlichkeiten und letztendlich mit Liebe zu tun. Freundliche und wertschätzende Sprache erzeugt eine freundliche und wertschätzende Atmosphäre.

Frage: Was bedeutet dies für Dich im Alltag und im Training mit Deinen Katzen, aber auch mit den von Dir betreuten Teams?

Antwort: Diese Sichtweise ist Teil einer ganz bestimmten Art, mit seinen Mitgeschöpfen umzugehen. Ich selbst habe mich ganz bewusst dafür entschieden, auf die Bedürfnisse meiner Katzen zu achten, diese wahrzunehmen und auch zu erfüllen. Ja, ich richte einen großen Teil meines Lebens nach meinen Katzen aus. In der Regel bekommen sie das, wonach sie fragen. Das nimmt im Zusammenleben ganz viel Stress und Unsicherheit auf beiden Seiten raus. Sie wissen, dass ich auf eine ganz bestimmte Art reagiere, wenn sie dieses oder jenes tun. So hat Baki gelernt, wenn er ein Bedürfnis hat, bei dem er meine Hilfe braucht, zu mir zu kommen und seine Pfote auf meinen Fuß oder meinen Arm zu legen. Ich stehe dann auf und gehe mit ihm zu dem Ort, an dem sein Bedürfnis gestillt werden kann und stille es: Er geht dann zum Futternapf, zu einem bestimmten Spielzeug, zu dem Ort an dem wir immer bürsten oder zur Balkontür, wenn er hinaus gelassen werden möchte. So haben wir miteinander und füreinander ein gemeinsames Vokabular entwickelt, um uns miteinander zu verständigen.

Meinen Teams versuche ich, diese Sichtweise zu vermitteln, denn sie macht das Zusammenleben so viel inniger und schöner – beide Seiten profitieren davon, wenn eine Katze nicht nur nebenher läuft, sondern wahrgenommen wird und ein echtes miteinander Leben stattfindet. Eine glückliche, entspannte Katze zeigt weniger oder gar kein unerwünschtes Verhalten. Unerwünschtes Verhalten entsteht ganz oft in Situationen, die Frustration verursachen. Dagegen tun wir etwas, indem wir unsere Katzen wahrnehmen und ihre Wünsche so weit wie möglich erfüllen. Die bewusste Wortwahl wie bei „Signal“ oder „Kommando“ ist dabei nur die Spitze des Eisbergs.

Frage: Super, vielen Dank für Deine Antworten und die Zeit, die Du Dir für dieses Interview genommen hast.

Wie Du siehst haben auch Worte und Begrifflichkeiten einen Einfluss auf uns und den Umgang mit unseren Katzen. Wenn Du dazu noch Fragen an Anne hast oder gar Unterstützung im Zusammenleben mit Deiner Katze benötigst, melde Dich gerne unter info@katzenkummer-verstehen.de