Menschen, die mich zum ersten Mal zuhause besuchen, sind oft verwundert: Ich wirke in Gesprächen unkonzentriert, schaue viel nach meinen Katzen und immer wieder sage ich nicht zum Gesprächsfluss passende Worte oder Sätze „in den Raum hinein“ – manchmal unterbreche ich mich sogar mitten im Satz und rufe in Richtung einer der Katzen so etwas wie „Suuuper!“, „Tüchtig!“, „Click!“ oder frage zum Beispiel „Kannst du Sitzen?“. Ich bin immer mit einem Teil meiner Aufmerksamkeit bei den Katzen, um Ihnen oft nur verbale Rückmeldung zu Verhalten zu geben, das mir gefällt und von dem ich weiß, dass es ihnen in manchen Situationen nicht ganz leicht fällt.

Das habe ich nicht immer getan. Früher habe ich mich auf die andere Seite des Verhaltens konzentriert: Meine Katze Luna und ihr Mitkater Baki verstehen sich manchmal nicht so gut. Baki neigte dazu, Luna zu ärgern (oder zu bedrohen), indem er sich vor sie setzte und sie anstarrte. Luna fing schnell an zu fauchen, zu knurren und es setzte oft Pfotenhiebe. Manchmal ging Baki auch als erster in Körperkontakt, sprang Luna an und nahm sie in den Schwitzkasten. Für Baki war es ein Spiel, für Luna war es Ernst. Sobald Luna fauchte oder knurrte, oder spätestens wenn es zu Körperkontakt kam, unterbrach ich die Interaktionen und es gab gleich darauf für beide Katzen mit etwas Abstand zu einander etwas Schönes um für wieder für bessere Stimmung zu sorgen, z. B. Futterspielzeuge oder ein Baldriankissen. Dadurch lernte Baki, dass er, wenn er meine Aufmerksamkeit brauchte, Verhalten zeigen musste, das bei mir eine Reaktion auslöst – in diesem Fall war es leider Verhalten, das Luna Angst machte und bewirkte, dass sie fauchte, knurrte oder sich anderweitig zur Wehr setzte. Mit jeder Wiederholung wurde es schlimmer: Baki wurde rabiater und Luna ängstlicher. Anfängliche Versuche, das Verhalten zu ignorieren, scheiterten: Baki wurde nur frustrierter und ging noch schneller zum Körperkontakt über. Und trotzdem haben wir es geschafft, aus dieser Abwärtsspirale aus zu steigen. Heute dreht sich die Spirale in die andere Richtung: Heute kommt Baki zu mir, wenn er meine Aufmerksamkeit möchte und gähnt oder berührt einen Körperteil mit seiner Pfote. Darauf reagiere ich immer und er bekommt, was er in diesem Moment von mir braucht: Futter, interaktives Spielen, Kuscheln, Bürsten, Zugang zum Balkon und zur Katzenwiese, oder einfach ein wenig Aufmerksamkeit oder Trost.

Was hat sich – bei mir – verändert?

Wir konnten aus dieser Abwärtsspirale aussteigen, weil ich gelernt habe, meine Perspektive zu verändern: in meinem Fokus steht seit geraumer Zeit das Verhalten, das

ich gut finde und nicht mehr das Verhalten, das ich nicht sehen möchte. Ich habe begonnen, Baki für das Verhalten zu verstärken, was ich gut finde: kurze Blicke, Kopf abwenden, Blinzeln, Bogen laufen, weggehen. Und auch Luna verstärke ich für erwünschtes Verhalten: schauen und wegschauen, blinzeln, es aushalten, wenn Baki mal etwas länger schaut, sitzen bleiben, wenn er eigentlich zu nah vorbei geht. Ich warte nicht mehr, bis „es knallt“, vielmehr suche ich nach Verhalten, das auf einem viel niedrigeren Erregungsniveau gezeigt wird und von dem ich durch Beobachtungen weiß, dass Baki es zeigt, bevor er auf seiner eigenen Eskalationsleiter weiter nach oben klettert. Ein weiterer Vorteil, wenn ich mich so frühzeitig eingreife ist, dass das Erregungslevel noch so gering ist, dass es ihm leicht fällt, sich auf Alternativen zum „Luna ärgern“ einzulassen. Je nach seiner Motivation biete ich ihm dann passende Alternativverhalten und Belohnungsmöglichkeiten an.

Warum fällt es uns schwer, die Perspektive zu verändern?

Diese Veränderung der Sichtweise kann schwer sein und Zeit brauchen. Wichtig ist, dass wir uns immer wieder vor Augen führen, worauf unser Fokus gerade liegt: auf dem Unerwünschten oder auf dem Erwünschten. Und diese Konzentration auf das besser Sichtbare ist uns in die Wiege gelegt und zusätzlich oft durch unsere Lebenserfahrung verstärkt worden. Wir Menschen können nichts für unsere Natur. Erst wenn wir uns einzelne Aspekte unseres Verhaltens und damit unserer Natur bewusst machen, können wir eine Änderung herbeiführen.

Wir können nur verändern (und verstärken), was wir wahrnehmen

Es ist im Grunde kein Wunder, dass wir unseren Fokus allzu oft auf das Negative legen, ist es doch weitaus sichtbarer als das Positive. Das Positive führt in der Regel nicht dazu, dass wir uns in irgend einer Art und Weise beeinträchtigt fühlen, das Negative schon. Etwas Unangenehmes stört uns viel mehr und erzeugt mehr Leidensdruck und wir kommen zu dem Schluss, dass es so nicht weiter gehen kann. Die guten Verhaltensweisen nehmen wir nur allzu oft als selbstverständlich hin und honorieren sie nicht oder nicht ausreichend. Das Verhalten ist ja schon so, wie wir es uns wünschen, darum sehen wir keinen Handlungsbedarf. Und genau dort liegt der Trugschluss: denn Verhalten, das erhalten bleiben soll, muss weiterhin verstärkt werden, ansonsten beginnt es, zu verschwinden und stirbt irgendwann vielleicht sogar ganz aus. Verhalten ist wie eine kleine Pflanze: Wenn sie gedeihen und groß und stark werden soll, muss sie gehegt und gepflegt werden. Und selbst wenn sie irgendwann groß und stark ist, ist weiterhin Pflege notwendig, damit sie groß und stark bleibt!

„Verhaltenspflege“ – aus der Abwärtsspirale ausbrechen

Der erste Schritt, um aus dieser Spirale auszubrechen ist bereits getan: uns ist bewusst geworden, dass wir unseren Blickwinkel verändern müssen. Aber wie genau soll das gehen?

Beginnen Sie am Besten damit, Ihre Katze genau zu beobachten: Was tut sie, bevor sie etwas macht, was sie nicht tun soll? Was macht sie z. B. bevor sie am Sofa kratzt? Was macht sie, bevor sie auf die Arbeitsplatte springt? Was macht sie, bevor sie ihre Mitkatze oder Ihre Füße angreift? Diese Beobachtung ist wichtig, denn egal um welches unerwünschte Verhalten es geht: Bevor die Katze etwas tut, was sie nicht tun soll, tut sie in jedem Fall etwas, was OK ist oder was Sie sogar gut finden! Bevor sie zum Sofa geht, um daran zu kratzen, schaut sie in die Richtung, denn sie muss sich ja orientieren, wohin sie geht. Bevor sie auf die Arbeitsplatte springt, sind noch alle vier Pfoten auf dem Boden und sie schaut nach oben, denn sie muss den Sprung koordinieren und die Abstände einschätzen. Bevor sie eine andere Katze oder menschliche Füße angreift, nimmt sie vielleicht eine bestimmte Körperposition ein, beginnt zu lauern und schaut in diese Richtung, und manchmal schaut sie vorher auch zu ihrem Menschen – wie im Fall von Baki und seinen Übergriffen auf Luna. Und genau dieses Verhalten können wir in unseren Fokus nehmen und verstärken. Jedes Verhalten, das nicht das unerwünschte ist, kann verstärkt werden!

Der Tag hat 24 Stunden …

… und von diesen 24 Stunden zeigt sie Katze nur in einem Bruchteil der Zeit unerwünschtes Verhalten. Den Rest der Zeit verbringt sie mit Verhalten, das wir gern sehen, das für uns OK ist oder das uns egal ist. Und all das sind Verhaltensweisen, die wir verstärken und damit hegen und pflegen können. Wir können sie stärken und robust gegen äußere und innere Einflüsse und Ablenkungen machen und so das unerwünschte Verhalten immer mehr verkümmern lassen. Denn je mehr Zeit von erwünschtem Verhalten eingenommen wird, desto weniger Zeit bleibt für unerwünschtes Verhalten übrig.

Werkzeug zur Verhaltenspflege – das Markersignal

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch ein so hilfreiches Werkzeug mit an die Hand geben, damit Sie die positive Verstärkung in Ihren Alltag mit Katze tragen können. So können Sie nicht nur einen Perspektivwechsel schaffen, sondern diesen auch ganz konkret umsetzen: Das Markersignal wird Ihnen dabei helfen!

Das Markersignal eröffnet eine ganz neue Möglichkeit, mit der Katze zu kommunizieren und die beiden Verstärkungs-Quadranten der operanten Konditionierung praktikabel in den Alltag zu bringen und dort anzuwenden. Es ist eine Vokabel, die angenehmes Verhalten vom Menschen ankündigt. Ich glaube, das Markersignal ist mein liebstes und am häufigsten eingesetztes Werkzeug im Katzentraining. Denn es ist so vieles in einem:

Es ist ein Versprechen auf etwas Angenehmes an die Katze – Egal was als nächstes passiert, es folgt immer etwas Schönes für die Katze, damit bekommt es eine sehr hohe Vorhersagekraft und wird mit angenehmen Emotionen verknüpft: Vorfreude, Spaß, Erfülltheit, Erfolgserlebnissen.

Es verschafft mir Zeit, um das Angenehme hervor zu zaubern – Das Markersignal hebt Verhalten hervor, genau wie ein Textmarker. Dadurch bekomme ich Zeit, nach einer Belohnung zu greifen und sie der Katze letztendlich zu überreichen. Es überbrückt die Zeit zwischen Verhalten und Belohnung.
Es sagt der Katze sehr punktgenau, welches Verhalten sich lohnt – Durch die kurze Dauer des Signals kann die Katze sehr genau eingrenzen, für welches Verhalten sie die Belohnung bekommt. Der Zeitraum, der hervorgehoben wird, ist sehr kurz und damit gut identifizierbar. Würde ich ohne Markersignal arbeiten und nur loben oder gleich nach dem Futter greifen, wird ein sehr viel längerer Zeitraum mit sehr viel mehr Verhalten markiert und es ist nicht eindeutig, welches Verhalten eigentlich gemeint ist.
Es gibt ihr Sicherheit – denn nach dem Markersignal passiert niemals etwas Unangenehmes.
Es wirkt stimmungsverändernd – durch die vielen Wiederholungen sind so viele positive Emotionen damit verknüpft, dass es in schwierigen Situationen die Stimmung verbessern kann.

Das Schöne daran ist: jede Katze kann davon profitieren. Auch Katzen, die keine Leckerlies mögen können es lernen und können damit trainiert werden. Denn wir sind nicht an Futter als Verstärker gebunden. Das Markersignal kann mit allem verknüpft werden, was die einzelne Katze mag oder gut findet. Darum sage ich es, bevor wir bürsten. Ich sage das Markersignal, bevor ich die Balkontür öffne. Ich sage es, vor ich den Napf hinstelle. Ich sage es, bevor wir kuscheln und ich sage es, bevor wir spielen. So wird es ganz automatisch in den Alltag integriert und mit ganz vielen verschiedenen positiven Interaktionen mit dem Menschen verknüpft. Diese so genannte Generalisierung macht das Signal sehr robust gegen Ablenkungen, denn die Katze lernt: immer wenn meine Bezugsperson „Click“ sagt, bekomme ich danach ein Überraschungsei, es ist immer was Gutes, nie etwas Schlechtes. Somit deckt das generalisierte Markersignal viele Motivationen ab. Dadurch und weil wir dieses Signal hegen und pflegen, also immer wieder positiv aufladen, entfaltet es seine überwältigende Wirkung.

Fazit

Eine Katze zeigt uns immer das Verhalten, das wir ihr beigebracht haben – egal ob wir das wollten oder nicht. Das bedeutet, wir müssen zwar zum einen ein wenig aufpassen, wie wir auf Katzenverhalten reagieren, damit wir nicht versehentlich unerwünschtes Verhalten erzeugen. Andererseits ermöglicht uns dieser Umstand aber auch eine sehr unspektakuläre Bearbeitung von unerwünschtem Verhalten – egal worum es geht. Jede Katze zeigt erwünschtes Verhalten, bevor sie mit unerwünschtem Verhalten beginnt. Wenn wir uns auf dieses „Davor“ konzentrieren, haben wir eine sehr schonende, faire und vor allem wirksame Möglichkeit, Verhalten zu verändern. Noch besser geht es mit einem Markersignal, das der Katze punktgenau kommuniziert, welches Verhalten sich lohnt.