Motivation und bedürfnisorienertes Belohnen – Wege zu einem erfüllten Miteinander

Katzen haben – wie jedes Lebewesen – Bedürfnisse und Befindlichkeiten. Je besser wir sie verstehen, desto besser können wir darauf eingehen und desto besser funktioniert die Zusammenarbeit und das Zusammenleben. Wenn ich weiß, womit ich meiner Katze genau jetzt eine Freude machen kann, habe ich sehr gute Karten, dass sie sich auf eine Zusammenarbeit einlässt und gern mit mir trainiert. Das funktioniert sowohl beim Tricksen just for Fun als auch im Alltag oder der Arbeit an unerwünschtem Verhalten.

Hinter diesen verschiedenen Bedürfnissen steckt die so genannte Motivation. Motivation ist etwas, das schwer zu fassen ist. Wir erkennen sie aber daran, dass die Katze etwas unbedingt haben möchte: sei es Futter, Freigang, Körperkontakt, oder oder oder. Bedürfnis und Motivation hängen also direkt zusammen.

Im Alltag erkennen wir oft sehr gut, was unsere Katzen möchten – wir kennen sie eben am besten. Aber manchmal wissen wir es nicht so genau. Dann hilft nur, auf die kleinen, körpersprachlichen Anzeichen zu achten und ggf. einige Angebote zu machen. Für Katzen gilt wie für alle Lebewesen: Sie streben hin zu guten Dingen und weg von schlechten. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Körpersprache: reckt sich die Katze in Richtung der Hand, können wir davon ausgehen, dass sie gestreichelt werden möchte. Geht sie zum Futternapf, möchte sie vermutlich fressen. Hat sie Angst vor etwas, geht sie davon weg. Möchte sie gerade nicht angefasst werden, weicht sie der ausgestreckten Hand oder dem ganzen Menschen aus.

Wie können wir uns die Motivation nun im Training und im Alltag zunutze machen? Es hilft sehr, wenn wir einen Überblick über die aktuellen Bedürfnisse und „Hobbies“ unserer Katzen haben. Dazu hat sich das Erstellen einer so genannten „Top 20“-Liste bewährt.

Spiel mit der Katzenangel (Bild: Judith Böhnke): Ein Jagdersatzspiel, das das Bedürfnis nach Fangen und „Erlegen“ von Beute stillen kann.

Lauern am Fenster nach lebender Beute: Luna hat auf dem gegenüberliegenden Dach einen Vogel entdeckt. Durch die Fenstersicherung ist er für sie unerreichbar.

 

„Top 20“

Überlegen Sie sich, womit Sie Ihrer Katze eine Freude machen können. Notieren Sie zunächst alles, die Ihre Katze mag, was sie erfreut. Dabei dürfen auch gern mehr als 20 Aktivitäten zusammen kommen – je mehr desto besser und desto größer ist die Auswahl an Belohnungsmöglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen. Dann überlegen Sie, was davon gemeinsame Aktivitäten sind und ob sie immer und überall eingesetzt werden können. Zum Beispiel:

 

  • Bürsten (nur in der Küche)
  • gemeinsam spazieren gehen (nur draußen, nur wenn keine Hunde in Sicht sind)
  • Leckerchen über den Boden rollen
  • Leckerchen jagen
  • Leckerchen aus der Luft fangen
  • Leckerchen aus der Hand nehmen
  • Leckerchen variieren (Leckerchen 1 hat eine andere Wertigkeit als Leckerchen 2)
  • Stirn kraulen
  • Bäckchen / Mundwinkel kraulen
  • Kinn kraulen
  • unter dem Hals kraulen
  • Bauch kraulen
  • Köpfchen geben
  • Spiel mit Spielzeug (Katzenangel)
  • Apportieren
  • einen bestimmten Trick ausführen
  • Vögel beobachten (auf dem Fensterbrett)
  • auf der Terrasse schlafen
  • Fummelspielzeug leeren
  • Erdklumpen fangen (draußen)
  • Grashalm spielen

 

Ein Leckerchenbaum (Bild: Judith Böhnke) ist eine schöne Möglichkeit, mit einer Fraigängerkatze an der frischen Luft gemeinsam etwas zu unternehmen. Am Baumstamm werden Leckerchen verteilt. Die Katze kann sie dann absammeln. Am besten eignen sich Bäume mit rauher Rinder.

 

Zugegeben: Leckerchen sind beim Tricksen und auch beim Training oft die einfachste Alternative, jedoch ist es durchaus möglich, auch mit nicht-futtermotivierten Katzen erfolgreich zu trainieren. Diese Liste sollte immer mal wieder angesehen und überprüft werden. Wichtig ist auch: nicht jede gut gemeinte Belohnung kommt auch immer so bei der Katze an. Es gibt Situationen, da möchte die Katze nicht gestreichelt werden, möchte nicht Spielen oder kann kein Futter annehmen. Was eine echte Belohnung ist, bestimmt am Ende die Katze – von Situation zu Situation aufs Neue.

 

Variables Belohnen

Je variabler Sie die Katze belohnen, desto besser kann sie lernen: meine Bezugsperson weiß immer was ich gerade brauche. Das führt – besonders bei der Arbeit mit Markersignalen (z. B. Clicker, Zungenschnalzen oder Markerwort) dazu, dass sich ein gewisser Überraschungseieffekt einstellt: Die Katze lernt eben nicht, dass nach dem Markersignal Futter angeboten wird, sondern dass in jedem Fall etwas allgemein Schönes folgt, ähnlich wie beim Überraschungsei. Das steigert die Vorfreude und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Katze auch unter großer Anspannung oder Ablenkung noch mitarbeiten und auf das Markersignal reagieren kann. Das ist besonders wichtig, wenn an einem unerwünschten Verhalten gearbeitet werden soll.

Variabel heißt nicht nur, dass möglichst viele verschiedene Belohnungen eingesetzt werden. Variabel heißt auch, dass ein bestimmtes Verhalten mit verschiedenen Belohnungen belohnt wird. Ansonsten laufen wir Gefahr, dass die Katze gelernt hat, Pfötchen geben bringt mir immer ein Leckerchen ein. Das ist, als würden wir sie fragen: Hast du Hunger, dann leg bitte deine Pfote in meine Hand. Wenn die Katze aber stattdessen gelernt hat, beim Pfötchen geben passieren immer großartige Sachen mit meinem Menschen zusammen, haben wir den Überraschungseffekt dabei und dadurch gute Karten, dass die Katze auch mitarbeitet, wenn ein anderes Bedürfnis als Essen im Vordergrund steht.

 

Funktionale Verstärker

Am effektivsten – sowohl beim Tricksen als auch bei der Erziehung – sind die so genannten funktionalen Verstärker. Ein funktionaler Verstärker ist etwas, das die Katze in dieser Situation unbedingt haben möchte, etwas das sie versucht, durch ihr Verhalten zu erreichen. Wenn sie also unbedingt hinaus möchte und darum an der Tür kratzt, fragen Sie sie z. B., ob sie sich vorher noch einmal hinsetzen kann, markieren dieses Verhalten mit dem Markersignal und öffnen die Terrassentür, anstatt ein Leckerchen zu geben.

Bei der Bearbeitung von unerwünschtem Verhalten geht es sehr oft um eine Distanzvergrößerung, entweder zur anderen Katze, zu einem Menschen oder zu einem gruseligen Gegenstand. Zum Beispiel: Wenn die Katze es also noch kurz aushalten kann, dass der neue menschliche Mitbewohner sie ansieht oder die Bürste in ihrer Nähe oder gar an ihrem Körper ist, geben Sie das Markersignal und entfernen den Gegenstand, nehmen die Hand weg, sehen weg oder gehen einen Schritt zurück, je nachdem, woran Sie gerade arbeiten.

Um auf diese Art mit der Katze trainieren zu können, müssen wir uns immer überlegen, was die Katze mit ihrem Verhalten erreichen möchte. Und genau das bekommt sie dann als Belohnung für das Alternativverhalten, das sie anstelle des unerwünschten Verhaltens zeigt.