Wege aus der Anspannung – Entspannungstraining mit Katzen

Im Zusammenleben mit unseren Katzen gibt es ein ständiges Auf und Ab – sowohl bei den positiven als auch bei den negativen Emotionen. So wechseln sich Freude und Frustration, Erleichterung und Unbehagen ab. Das eine kann es nicht ohne das andere geben – ohne Schatten gibt es kein Licht. Und ohne Erregung gibt es keine Entspannung. Diese beiden Zustände – eine aufgeregte bzw. hoch erregte Katze auf der einen Seite und eine entspannte Katze auf der anderen Seite – sind, wie so viele andere Zustände auch, trainierbar. Aber sie sind auch untrennbar verbunden.

Wir müssen hier jedoch ein wenig unterscheiden: es gibt positive Erregungszustände – Vorfreude, Freude, Neugierde – und es gibt negative Erregungszustände – Angst, Stress, Wut, Frustration. Am anderen Ende dieses Spannungsfeldes steht die Entspannung. Wir Menschen kennen es selbst, es fühlt sich zwar manchmal gut an, „Dampf abzulassen“, jedoch fühlt sich die nachlassende Anspannung danach noch viel besser an. Oder anders ausgedrückt: das „Dampf ablassen“ wird verstärkt durch das anschließend eintretende Gefühl der Erleichterung. Lerntheoretisch ausgedrückt wirkt hier einer der 4 Quadranten der operanten Konditionierung: die negative Verstärkung (hier kannst du nachlesen, wie Katzen lernen: https://tierisch-erfolgreich.com/warum-baki-gaehnt-das-lernverhalten-der-katzen/). Unseren Katzen geht es in ihrem Alltag nicht viel anders: wir beide sind Säugetiere, unsere Gehirne zeigen zwar auf der einen Seite wesentliche Unterschiede (im Detail), jedoch sind sie auf der anderen Seite (grundlegende Strukturen) so ähnlich, dass derartige Vergleiche durchaus vertretbar sind: Wir sind beides Säugetiere, wir beide haben vergleichbare Strukturen im Gehirn, die zu – vermutlich – vergleichbaren Emotionen führen. Inzwischen werden auch unseren Haustieren Emotionen, Schmerzempfinden und Befindlichkeiten zugestanden. Wer mit Katzen zusammen lebt zweifelt daran wohl keine Minute: sie zeigen uns nur allzu deutlich, wenn sie sich freuen, wenn sie traurig oder frustriert sind.

Es gibt zwischen den beiden Polen „Anspannung und Entspannung“ viele Mischformen von Stimmungen. Das zeigt sich in sich scheinbar widersprechenden Ausdruckselementen.

 

Eisberge und Verhalten

Bei all diesen unangenehmen Emotionen, die es in jedem Katzenleben gibt, mal mehr mal weniger, ist nun eins wichtig: wir müssen diese Emotionen wahrnehmen, um sie verbessern zu können. Das ist der erste Stolperstein auf dem Weg zur Entspannung: Wir müssen die Anspannung unserer Katzen wahrnehmen. Dabei kommt mir immer der Eisberg als Modell für das Sichtbare und das Unsichtbare in den Sinn: Der größte Anteil eines solchen Eisberges liegt unter Wasser – er ist nicht sichtbar, aber egal wie unsichtbar der Unterwasserteil ist, er ist trotzdem da. Genau so geht es uns mit der Erregung: Sie ist da, und erst ganz zum Schluss wird sie an der Körperoberfläche sichtbar. Für den Alltag mit unseren Katzen können wir daraus eine ganz wichtige Information mitnehmen: Wenn Verhalten (auch Ausdrucksverhalten) an der Körperoberfläche sichtbar wird, sind vorher schon ganz viele Prozesse und auch Verhalten unsichtbar abgelaufen. Dazu gehören Emotionen, physiologische Prozesse wie Hormonausschüttungen oder der Blutdruck, aber auch Erinnerungen und abgespeicherte Lernerfahrungen. Solange eine Katze weiß, dass sie diese oder jene Situation meistern kann, dass sie eine Lösungsstrategie parat hat, steigt auch ihr Erregungsniveau nicht so sehr an, als wenn sie mit der Situation überfordert wäre. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, sich mit der Körpersprache der Katze im Allgemeinen, aber auch mit der Körpersprache der individuellen Katze zu beschäftigen. Denn unsere Katzen entwickeln neben der allgemeinen Sprache eine ganz eigene Sprache mit „ihren“ Bezugspersonen.

Der Großteil eines Eisberges liegt unter Wasser und ist nicht sichtbar, nur die Spitze kann man sehen. Genau so sind Emotionen erst als Verhalten sichtbar, wenn sie bis an die Körper-Oberfläche vorgedrungen sind.

In Lunas Sprache mit ihren Bezugspersonen sieht es so aus, wenn sie Aufmerksamkeit und Interaktionen mit ihnen möchte: Blick auf die Bezugsperson gerichtet, Schnurrhaare leicht gefächert und nach vorne gerichtet, aufmerksamer Blick, aufgestellte Ohren, eine Pfote erhoben.

 

Entspannung für jede Katze?

Wenn Katzen Verhalten zeigen, dass für Menschen unangebracht, unerwünscht oder problematisch ist, liegt diesem Verhalten in der Regel irgendein Mangelzustand zugrunde: ein unbefriedigtes (Grund-) Bedürfnis, ein unangenehmes Gefühl wie Angst, Wut oder Frustration, oder auch ein körperlicher Mangelzustand, z. B. Schmerzen oder ein Unwohlsein. Bei allen diesen Möglichkeiten steigt die Erregungslage – die Katze ist nicht mehr entspannt. Und bei allen diesen Mangelzuständen kann ein Entspannungstraining helfen oder zumindest dabei unterstützen, zurück zur Entspannung zu finden. Entspannte Katzen können – im Gegensatz zu angespannten Katzen – besser denken und durchdachter reagieren, sie sind offener, neugieriger, ausgeglichener und zeigen insgesamt weniger unangebrachtes, unerwünschtes oder problematisches Verhalten.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sowohl ein gezieltes Entspannungstraining als auch unterstützende Maßnahmen zu ergreifen. Für eine auf Sie, Ihre Katze und Ihre Situation zugeschnittenes Programm wenden Sie sich bitte an eine Katzenverhaltensberaterin Ihres Vertrauens: Nach einer ausführlichen Anamnese und Verhaltensanalyse können oft verschiedene Sofort-Maßnahmen ergriffen werden, um die aktuelle Situation zu verbessern: Dabei handelt es sich um Management-Maßnahmen, die dazu führen sollen, dass zunächst viele stressige Situationen vermieden oder verbessert werden. Anschließend kann über verschiedene Trainingswege aktiv und systematisch sowohl an einer konkreten Situation als auch allgemein an Werkzeugen, die bei der Entspannung helfen, trainiert werden.

Der Kater ist nach dem Spiel mit der Rolle entspannt eingeschlafen.