Große Ursache – große Wirkung: Emotionen im Katzentraining

Jeder Mensch, der mit Katzen zusammen lebt kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass Katzen emotionale Wesen mit wechselnden Stimmungen, eigenen Ideen und natürlich mit Gefühlen sind. Sie zeigen Zuneigung und Abneigung gegenüber uns als ihren Bezugspersonen, gegenüber anderen Katzen oder Tieren, gegenüber fremden Menschen und gegenüber verschiedenen Objekten.
Katzen haben sowohl angenehme als auch unangenehme Gefühle und Emotionen, und sie binden sich an „ihre“ Menschen. Daran besteht inzwischen kein Zweifel mehr – neuere Erkenntnisse aus Forschung und Wissenschaft belegen dies.

Warum lohnt es sich, im Rahmen des Projektes „Katzentraining“ einen genaueren Blick auf dieses Thema zu werfen – oder anders gefragt: Was haben Emotionen mit Katzentraining zu tun? Emotionen und Training sind untrennbar miteinander verbunden: Emotionen führen zu Verhalten und Verhalten führt zu Emotionen. Denn was immer wir mit unseren Katzen machen (oder was sie allein tun), Emotionen sind immer dabei: Egal ob wir gemeinsam trainieren, kuscheln, spielen, sie füttern oder sie sich erschrecken. Emotionen sind ein nicht zu unterschätzender Faktor – sowohl für erwünschtes als auch für unerwünschtes Verhalten im Alltag und im Training.
Eine Katze, die sich unwohl fühlt, weil sie Angst hat, einen Mangel verspürt oder vielleicht Schmerzen hat, wird schneller mit unerwünschtem Verhalten reagieren als eine Katze, die sich rundum wohl fühlt, entspannt und zufrieden ist.

Unerwünschtes Verhalten entsteht oft im Kontext von Frustration (z. B. durch einen bestehenden Mangel wie Hunger, den die Katze nicht stillen kann oder sie hat eine unerfüllte Erwartung an eine Situation) oder Angst (die Katze fühlt sich in ihrer eigenen Unversehrtheit bedroht).

Aber ebenso entsteht erwünschtes Verhalten im Kontext von Emotionen: Wenn wir mit unseren Katzen trainieren, fühlen sie sich in der Regel wohl, denn sie wissen, was sie von uns zu erwarten haben: im Kontext des Markertrainings passiert nie etwas Schlimmes und wir versuchen, so bedürfnisorientiert wie möglich zu belohnen. Wir versuchen dafür zu sorgen, dass unsere Katzen viele Erfolge beim Training haben, indem wir die Anforderungen nicht zu schnell steigern und die Lernsituation insgesamt so gestalten, dass sie möglichst wenige Fehler machen können. Darum fühlen sie sich dabei gut und verspüren Vorfreude, wenn wir eine Trainingseinheit vorbereiten. Denn dann fällt es ihnen leicht, sich auf unsere Ideen einzulassen und mitzuarbeiten.

 

Von der Emotion zum Verhalten

Schauen wir uns das genauer an: Was sind eigentlich Emotionen, und was ist Verhalten – wie entstehen sie und wie beeinflussen sie sich wechselseitig?

Emotionen haben die Aufgabe, ein Lebewesen an seine aktuelle Umwelt anzupassen, indem sie ein passendes Verhalten aktivieren, nachdem etwas wahrgenommen wurde, was (irgend-) eine Reaktion auslöst. Würde man das gesamte Verhalten, das eine Katze zeigt, sehr stark herunterbrechen, hätte man am Ende zwei Motivationen: Die Katze möchte zum einen Gutes bekommen und zum anderen Schlechtes vermeiden. Sie ermöglichen außerdem die schnelle Bewertung von Situationen und damit im Zweifelsfall ein schnelles Handeln.

Verhalten ist ein Merkmal von lebenden Organismen. Es ist am Körper selbst, oder besser an der Körperoberfläche, wahrnehmbar: damit sind nicht nur Bewegungen und Veränderungen des gesamten Körpers oder von Körperteilen sowie Lautäußerungen gemeint, sondern auch Reaktionen, die wir nicht direkt wahrnehmen, deren Auswirkungen wir jedoch erkennen können (z.B. die Ausschüttung von Hormonen und Neurotransmittern und die Aktivität von Neuronen).

Der Eisberg als Modell soll verdeutlichen, dass das, was wir an der (Körper-) Oberfläche sehen, nur die „Spitze des Eisbergs“ ist. Bevor das Verhalten für uns sichtbar wird, passiert im Körper schon ganz viel mehr: Emotionen, Bewertungen, Erfahrungen tragen dazu bei, dass Verhalten entsteht. Das Verhalten entsteht also im Inneren und bahnt sich den Weg nach außen. Emotionen sind also das Fundament eines Verhaltens, das die Katze an eine veränderte Situation anpasst.

Auf den Kommunikationswissenschaftler und Autoren Paul Watzlawik geht ein Zitat zurück, das besagt, dass ein lebender Organismus sich nicht nicht verhalten kann. Das bringt es sehr schön auf den Punkt. Sobald eine Katze das Licht der Welt erblickt, beginnt sie also, sich zu verhalten, teils bewusst, teils unbewusst. Das bleibt so, bis sie zum letzten Mal die Augen schließt.

Auch Lernen ist Verhalten. Unsere Katzen lernen also – bewusst und unbewusst – ihr Leben lang. Da es ihnen nicht möglich ist, sich „nicht nicht zu verhalten“, fühlen sie auch ein Leben lang. Denn auch die Lernerfahrungen, die sie machen, sind untrennbar mit Emotionen verknüpft: mit guten Erfahrungen (Erfolgen, ein Problem konnte gelöst werden) und mit schlechten Erfahrungen (Niederlagen, ein Problem konnte nicht gelöst werden). Diese Erfahrungen werden vom Katzenhirn bewertet und so mit erlebten Gefühlen und Erwartungshaltungen verknüpft. Kommt die Katze dann später in eine ähnliche Situation, werden diese Erfahrungen und Erwartungen abgerufen und erzeugen erneut Gefühle in der Katze, je nachdem, wie es bisher ausging: z.B. Vorfreude oder Angst, Erleichterung oder Frustration – oder auch gemischte Erwartungen, die Konflikte mit sich bringen. Und so dreht sich das Rad von Situation zu Situation immer weiter: Verhalten ruft Emotionen hervor, und Emotionen rufen Verhalten hervor.

 

Verhalten und der luftleere Raum

Verhalten entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern im Gehirn. Es gibt Faktoren, die das Verhalten bedingen: diese können außerhalb (z. B. Umwelt, Haltungsbedingungen, Umgang) und innerhalb der Katze liegen. Zu den Faktoren, die innerhalb der Katze liegen, gehören zum Beispiel die Emotionen, aber auch Motivationen, Lernerfahrungen oder zum Beispiel Unwohlsein und Schmerzen. Verhalten hat also immer eine reale Grundlage: entweder diese liegt außerhalb der Katze oder sie liegt innerhalb. Katzen tun nichts aus Böswilligkeit, aus Trotz oder aus Vorsatz, sie haben Bedürfnisse und Befindlichkeiten, auf die sie uns mit ihrem Verhalten aufmerksam machen. Sie sind weder „Diven“ noch „Terroristen“. Sie haben für ihre Handlungen immer echte Gründe, eine echte Grundlage (physisch oder psychisch) – unser Umgang mit der Katze, und ganz besonders die Arbeit mit Markersignalen ist eine Möglichkeit, diese Grundlage zu verändern. 

Allzu oft vergessen wir, dass der Komfortbereich der Katze von dem des Menschen in ganz vielen Belangen abweicht: Wir wollen kuscheln, aber unsere Katze kann längeren Körperkontakt nicht ertragen. Wir wollen abends auf der Couch entspannen, aber die Katze hat Hunger oder möchte Spielen. Wir hängen an unserem Sofa, die Katze hat aber das Bedürfnis zu Kratzen und findet – außer dem Sofa – keine adäquate Kratzgelegenheit.

Luna tut hier einen Mangel kund: Sie hat Lust auf Interaktion und auf Leckerchen.

Fazit

Emotionen können wir zwar nicht sehen, sehr wohl aber das Verhalten, das durch sie erzeugt wird. Verhalten entsteht niemals einfach so, sondern immer auf einer real existierenden Grundlage: auf Basis von Emotionen, auf Basis von anderen körperlichen Befindlichkeiten, aufgrund der aktuellen Umwelt. Wenn wir Verhalten verändern möchten – sei es im Kontext der Beschäftigung oder im Kontext der Arbeit an erwünschtem Verhalten, müssen wir die Emotionen der Katze wahrnehmen und erkennen (z.B. über die Körpersprache und das Verhalten) und sie ernst nehmen, indem wir die Umgebung und den Umgang mit der Katze so gestalten, dass sie sich möglichst wohl fühlt und es ihr gut geht. Dann wird sie viel eher in der Lage sein, erwünschtes Verhalten zu zeigen.

Unser Umgang mit unseren Katzen bestimmt, wie sie uns wahrnehmen und was sie von uns erwarten. Es liegt also in unserer Hand, ob wir Freund, Feind oder schlicht egal sind. Es ist nie zu spät, das eigene Verhalten anzupassen, um für unsere Katzen etwas zu verändern und so ihre Welt und ihr Leben mit uns noch harmonischer, verständiger und katzengerechter zu gestalten.