Vermutlich kennt jeder, der mit Katzen zusammen lebt, mindestens ein Verhalten, das ihn an seiner Katze stört und von dem er möchte, dass die Katze damit aufhört. Eine Möglichkeit – von vielen – eine Katze zu erziehen ist es, sie für ihr Verhalten zu bestrafen. Das kann im Alltag verschiedene Dimensionen annehmen. Alle Varianten haben aber eins gemeinsam: Strafe wirkt entweder über die Emotion Angst oder über die Emotion Frustration. Beides sind Emotionen, die wir in der Verbindung mit unseren Katzen aber eigentlich vermeiden möchten, denn sie belasten unser Verhältnis zueinander.

 

Was heißt das überhaupt – Strafe?

Als Strafe bezeichnen wir umgangssprachlich eine Aktion, die aufzeigen soll, dass ein Verhalten in den Augen des Strafenden nicht akzeptabel ist. Bei der Katze denken wir schnell an so etwas wie Anschreien, Händeklatschen, mit Wasser bespritzen oder (weiche) Gegenstände auf oder in die Nähe der Katze werfen.

In der Lerntheorie bezeichnen wir im Gegensatz dazu mit einer Strafe erst einmal nur eine Konsequenz, die auf ein Verhalten folgt. Tritt dieses Verhalten in Zukunft seltener auf, war die Konsequenz eine Strafe. Tritt es häufiger auf, war es ein Verstärker. Es gibt zwei Arten von Strafe:

  • die ängstigende Strafe (sog. positive Strafe)

und

  • die frustrierende Strafe (sog. negative Strafe).

Die Begriffe „positiv“ und „negativ“ sind dabei nicht wertend im Sinne von „gut“ oder „schlecht“, sondern rein mathematisch gemeint: im Sinne von „etwas hinzufügen“ und „etwas wegnehmen“. Danach gehören nicht nur oben genannte Strafen dazu, sondern auch so etwas wie Ignorieren, Aussperren und bedrohlich empfundene Körpersprache, sowie unerwünschtes Festhalten oder ähnliche Zwangsmaßnahmen.

Auch kann die Katze etwas, das wir gar nicht als Strafe meinen, als solche auffassen. Die Strafe (und auch die Belohnung) entsteht erst im Kopf der Katze, und zwar dadurch, wie ihr Gehirn die Situation bewertet und wie sie dabei empfindet, z. B.:

  • wir sperren die Katze über Nacht aus dem Schlafzimmer aus, weil sie uns wach hält –> Ignorieren, Entzug von sozialer Interaktion, Strafe
  • der Topfdeckel fällt versehentlich scheppernd zu Boden –> die Katze erschreckt sich, Strafe
  • die Katze verfängt sich mit der Kralle und verletzt sich –> Schmerzen, Strafe

Wenn ich hier von Strafe spreche, meine ich damit die lerntheoretische Bedeutung des Wortes „Strafe“, nicht die umgangssprachliche.

Regeln für Strafe

Um zu verstehen, warum Strafe funktioniert – oder auch nicht funktioniert – müssen wir verstehen, wie sie richtig funktioniert.

Damit Strafe überhaupt funktionieren kann, muss sie verschiedenen Regeln folgen. Die Katze hat sonst keine Chance, zu verstehen was ihre Bezugsperson ihr mit der Strafaktion sagen möchte:

räumliche und zeitliche Nähe:

Die Strafe muss unmittelbar nach dem unerwünschten Verhalten erfolgen. Das heißt innerhalb von einer Sekunde nach Beginn der Tat (spätestens unmittelbar nach der Tat), sonst kann keine Verknüpfung der beiden Ereignisse stattfinden. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Bezugsperson anwesend sein muss, wenn das unerwünschte Verhalten begonnen wird.

Folgerichtigkeit:

Die Strafe muss immer erfolgen, wenn die Katze das unerwünschte Verhalten zeigt. Geschieht das nicht, lernt sie nur, das unerwünschte Verhalten in Abwesenheit ihrer (strafenden) Bezugsperson zu zeigen, bzw. sucht sich einen anderen, sicheren Ort für ihr Verhalten. Auch hier muss der Mensch zugegen sein, und zwar 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche.

das richtige Maß:

Die Strafe muss genau die richtige Intensität haben: ist sie zu mild, verfehlt sie ihre Wirkung, ist sie zu stark, stresst oder ängstigt sie die Katze zu stark. Es wird dabei kein Alternativverhalten (= richtiges, erwünschtes Verhalten), sondern vielmehr ein Meideverhalten erzeugt. Es kommt auch vor, dass eine Katze sich an einen Strafreiz gewöhnt, so dass die Strafe immer wieder wiederholt und die Intensität immer weiter erhöht werden muss.

Achtung – Fehlverknüpfungen:

Wir können nie mit Sicherheit sagen, womit genau die Katze den Strafreiz verknüpft. Katzen nehmen gleichzeitig mehr als nur einen Reiz wahr: während die Katze z. B. mit der Wasserspritze gestraft wird, sieht sie einen Menschen an, gleichzeitig hört sie ein Geräusch, steht auf dem Teppich, ist in der Nähe des Katzenklos, dessen Geruch sie wahrnimmt. Wir können unmöglich vorhersagen, mit welchem dieser wahrgenommenen Reize die Strafe verknüpft wird. Es gibt also viel „Konkurrenz“ zu der Verknüpfung, die mit der Strafe gemeint ist.

Nur wenn alle diese Regeln eingehalten werden, kann eine Strafe funktionieren – was in den meisten Fällen jedoch unrealistisch ist – wer ist schon 24/7 da und passt auf?

Und selbst dann, wenn eine Strafe regelgerecht durchgeführt werden kann, weiß die Katze immer noch nicht, welches erwünschte Verhalten sie statt dessen zeigen könnte, um ihr aktuelles Bedürfnis zu befriedigen oder um ihre Situation zu verbessern und sich damit besser zu fühlen. Strafen erzeugen kein alternatives Verhalten! Das müsste also zusätzlich erlernt werden, egal ob gestraft wird oder andere Wege gegangen werden.

 

Bedürfnisse und Verhalten

Wir dürfen außerdem nie vergessen, dass ein Verhalten, egal ob erwünscht oder unerwünscht, immer einen Grund hat. Es entsteht nicht einfach so oder weil die Katze ihre Bezugsperson ärgern möchte, sondern aufgrund von körperlichen und / oder emotionalen Ursachen. Wenn wir dann durch eine Strafe ein Verhalten hemmen, ist die Ursache für das Verhalten, also das Gefühl, die Emotion oder auch der körperliche Zustand, der das Verhalten entstehen lässt, nicht automatisch verschwunden. Die Ursache ist noch da – und das Verhalten sucht sich dann womöglich andere Wege oder andere Orte.

 

Katzenerziehung ist Vertrauenssache – zwischen Ihnen und Ihrer Katze

Jedes Verhalten hat Konsequenzen, auch das Verhalten eines Menschen gegenüber seiner Katze. Eine strafbasierte Erziehung führt bei einer Katze mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht dazu, dass sie dem strafenden Menschen immer mehr vertraut. Sie wird vielmehr beginnen, ihre Bezugsperson als unberechenbar wahrzunehmen – sie verliert das Vertrauen. Es gibt Katzen, die, besonders bei bedrohlichen Strafen, um ihre Sicherheit fürchten und mit Aggressionsverhalten reagieren. Und es gibt Katzen die sich einfach mehr und mehr zurückziehen oder ihre eigenen Wege gehen – wenn sie können. Keine dieser Optionen ist schön oder erstrebenswert – und schon gar nicht notwendig. Es geht auch anders! Katzen können so viel lernen, und sie lernen so viel besser, wenn wir dabei gemeinsame Wege gehen, anstatt sie zu unterdrücken, ihre Bedürfnisse zu ignorieren oder gegen sie arbeiten.

Fazit

Die Regeln der Strafe einzuhalten ist also gar nicht so leicht. Strafen müssen in den meisten Fällen immer wieder wiederholt werden oder intensiver und härter werden, damit die Katze weiterhin abgeschreckt wird. Viel effektiver (und vor allem schöner) ist es, der Katze ein alternatives Verhalten beizubringen, das uns gefällt und das für sie erstrebenswerter ist als das unerwünschte Verhalten. Nett zu unseren Katzen zu sein fühlt sich auch für uns Menschen gut an!

Das bedeutet: Es reicht nicht, der Katze zu sagen, was sie nicht tun soll. Sagen Sie ihr doch einfach, was sie statt dessen tun kann, um ihr Bedürfnis zu stillen. Sie kann lernen, dass sie sich sogar eine Belohnung verdienen kann, indem sie ein alternatives Verhalten zeigt:

Anstatt auf den Tisch zu springen, kann die Katze lernen, unten zu warten (alle vier Pfoten mit Bodenkontakt).
Anstatt an der Couch zu kratzen, kann die Katze lernen, am Kratzbaum zu kratzen.

Anstatt zu beißen, wenn sie nicht mehr gestreichelt werden möchte, kann die Katze lernen, ein anderes Signal zu geben, wenn sie keinen Körperkontakt mehr haben möchte.

Video: Anne-Katrin Mausolf und ihre Katze Luna

Eine Katze zu fragen, was sie möchte, kann so einfach sein. Wenn sie etwas möchte, geht sie mit dem ganzen Körperoder mit einzelnen Körperteilen (z. B. mit dem Kopf) näher heran (Distanzverringerung) oder hält den Kontakt, wieLuna im Video: Sie drückt sich richtig in die Hand.