Kommunikation und Kontrolle – für die Katze

Katzen haben das Bedürfnis, selbst zu bestimmen, wer ihnen nah kommt und wer bitte wegbleiben soll. Das hat oft – aber nicht nur – etwas mit dem eigenen Sicherheitsgefühl und dem Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit zu tun. Es gibt im Zusammenleben mit Katzen ein Phänomen, das den Katzen vermutlich ihren Ruf als „hinterhältige“, „zickige“, „launenhafte“ Wesen eingebracht hat: das so genannte „Petting and Biting“ – Streicheln und Beißen: die Katze beißt oder kratzt ganz plötzlich nach der streichelnden Hand. Was genau das ist – dazu später mehr. Es gehört in jedem Fall zu den Verhaltensweisen, die, betrachtet man sie genauer, einen neuen Ansatz im Umgang mit unseren Katzen ermöglichen. Dieser Ansatz beinhaltet die Idee, den Katzen in möglichst vielen Situationen ein Mitspracherecht einzuräumen, besonders wenn es darum geht, in den persönlichen Bereich der Katze einzudringen oder etwas mit ihr und ihrem Körper zu machen – sei es Streicheln, Fellpflege oder eine tierärztliche Behandlung.

Bevor ich mit potentiell unangenehmen Handlungen bei Luna weiter machen, z. B. beim Fell kürzen oder beim Medical Training warte ich auf ihr „Go“-Signal: Sie hebt die Pfote, um mir zu sagen, dass es weiter gehen kann.

 

Kontrolle über das eigene Leben und den eigenen Körper

Warum sollten wir unseren Katzen ein Stück weit Kontrolle über ihr Leben und vor allem über alles, was mit ihrem eigenen Körper zu tun hat, zurückgeben? Wir Menschen bestimmen (fast) alles im Leben unserer Katzen: mit wem sie zusammen leben (müssen), was es zu Essen gibt, wann es Essen gibt, wo es Essen gibt, wo sie sich aufhalten dürfen, wer ihr Revier betritt oder verlässt, wer wann und wie mit ihr spielt, Körperkontakt ja / nein und wie lange, ob und wie lange sie täglich allein sind, ob und mit wem sie sich fortpflanzen. Diese Liste lässt sich noch lange fortführen. Unsere Katzen haben kaum eine Wahl, sie müssen sich mit dem Leben, das wir Menschen für sie ausgesucht haben, arrangieren. Manche Katze kommt mit diesem Kontrollverlust besser klar, manche weniger gut. Die Katzen, die weniger gut klarkommen, entwickeln unter Umständen Verhaltensweisen, die für uns Menschen problematisch sind.

Ganz oft ist der Grund für dieses unerwünschte Verhalten recht einfach: Die Katzen haben gelernt, dass subtile Kommunikation mit Menschen nicht funktioniert. Darum werden sie lauter, deutlicher, vehementer in ihrer Ausdrucksweise. Sehr schnell lernen sie dann, dass Menschen nur Grobheiten verstehen: Fauchen, Knurren, Beißen, Kratzen, oder Weggehen.

Wenn unsere Katzen nun ein Stück weit die Kontrolle über die eine oder andere Situation zurück bekommen, lernen sie, dass sie mit ihrem Verhalten etwas bewirken können, dass ihr Mensch z. B. aufhört sie zu streicheln, wenn sie eine bestimmte Verhaltensweise zeigen – oder eben nicht zeigen. Sie müssen dann gar nicht deutlicher werden. Kontrolle zu haben gibt (nicht nur) Erwartungssicherheit. Unsere Katzen lernen, dass sie Einfluss auf ihr Leben haben und unserem Willen nicht „ausgeliefert“ sind. Wir respektieren ihre Bedürfnisse und bringen sie gar nicht erst in die Situation, dass sie uns derart deutlich klar machen müssen, dass ihnen etwas nicht gefällt. Geben wir Kontrolle zurück, bleiben wir in unserer Kommunikation mit unseren Katzen auf einer sehr respektvollen und netten Ebene.

 

Beispiel: Petting & Biting

Sicher kennen Sie das: Sie schmusen mit Ihrer Katze, und plötzlich, aus dem Nichts heraus dreht sie sich um und kratzt oder beißt die streichelnde Hand. Dieses Verhalten ist etwas ganz Normales und tritt scheinbar so oft auf, dass es in der Fachsprache dafür eine eigene Bezeichnung gibt: „Petting and Biting“ – Streichen und Beißen.

  1. Hier gibt es nun zwei Möglichkeiten:
    1. Es scheint nur so, dass der „heimtückische Angriff“ aus dem Nichts kam, denn bevor eine Katze grob wird, versucht sie, die für sie unangenehme Situation in der Regel nett aufzulösen, indem sie durch ihre Körpersprache versucht deutlich zu machen, dass sie das, was da gerade geschieht, nicht mag. Leider sind wir Menschen oft blind für die so subtile Sprache unserer Katzen. Wir Menschen sind, was die Katzensprache angeht, etwas schwer von Begriff, wir sehen wenige der subtilen körpersprachlichen Anzeichen, mit denen Katzen untereinander kommunizieren.
  2.  Aufgrund von Möglichkeit 1 haben viele Katzen gelernt, dass es nichts bringt, nett zu bitten. Sie werden also gleich grob – sie überspringen die nette Kommunikation und reden gleich „Klartext“, von dem sie aus Erfahrung wissen, dass er zum Erfolg führt. Sie haben gelernt, dass Fauchen, Knurren, Beißen oder Kratzen funktioniert, im Gegensatz zu Kopf abwenden, weglehnen, Schwanzbewegungen, Ohren anlegen, Augen aufreißen etc.

Viele Katzen lieben es, in der Nähe ihrer Menschen zu sein, sich anzukuscheln und so zu schlafen. Wir Menschen interpretieren in dieses anschmiegsame Verhalten viel zu oft das Bedürfnis nach Streicheleinheiten hinein. Wir denken uns dann „Wenn es ihr nicht gefällt, kann sie ja gehen, niemand zwingt sie oder hält sie fest.“ Dabei vergessen wir aber, dass es unseren Katzen oft zwar um Nähe geht, aber eben nicht automatisch darum, angefasst und gestreichelt zu werden. Manchmal ist der Platz einfach so ungemein gemütlich und sie möchten ihn nicht verlassen.

Beobachten Sie einmal Ihre Katze beim Streicheln: Was macht ihr Schwanz, wie sehen ihre Ohren und Augen aus? Ist sie wirklich ganz entspannt, oder mischt sich langsam Anspannung in ihre Mimik und Gestik?

Es ist nun gar nicht schwer, dieses unerwünschte Verhalten umzuwandeln in eine sehr höfliche und wertschätzende Kommunikation zwischen Mensch und Katze.

 

Mach weiter-Signal – Bitte weiterstreicheln!

Bei dieser Übung lernt die Katze, dass Sie sie nur streicheln, wenn sie das auch wirklich möchte, so erhält sie eine Möglichkeit, Ihnen mitzuteilen, dass sie gerade nicht mehr angefasst werden möchte.

Aufbau

Der Aufbau ist denkbar einfach: Halten Sie der Katze die Hand ganz locker hin. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sie ihren Kopf dagegen stupsen oder ihn an Ihrer Hand reiben. Wenn sie das tut, streicheln Sie sie. Das dürfen Sie so lange machen, wie Sie den Gegendruck der Katze in Ihrer Hand spüren. Hört sie auf zu drücken, hören Sie auf zu streicheln. Dann nehmen Sie die Hand kurz weg und bieten sie Ihrer Katze wieder locker an, so dass sie den Kopf – wenn sie mag – dagegen reiben kann. Tut sie das, dürfen Sie wieder streicheln. Diesen Ablauf wiederholen Sie solange, bis die Katze Sie nicht mehr anstupst. Wenn sie nicht stupst, nehmen Sie die Hand weg, ohne sie zu streicheln. Durch dieses Vorgehen lernt Ihre Katze sehr schnell, dass sie die Kontrolle über die Körperkontakt-Situation hat.

Eine andere Variante ist folgende: Beobachten Sie einmal genau, was Ihre Katze macht, während Sie sie streicheln. Wenn Sie beginnt, den Kopf weg zu drehen, über die Pfote leckt oder die Lippen leckt, hören Sie auf zu streicheln. Auch dabei lernt die Katze, dass sie nur eine bestimmte Handlung ausführen muss, um Sie dazu zu bringen, mit dem Streicheln aufzuhören.

 

 

 
 

Start- und Stopp-Signale für die Katze

Dieses Vorgehen ist auf ganz viele andere Situationen – so oder etwas abgewandelt – übertragbar. Besonders im Training, und da vor allem, wenn wir an ernsten Themen oder an allem arbeiten, wo es darum geht, Manipulationen an der Katze vorzunehmen (Bürsten, Tierarzttraining, …) hilft es den Katzen sehr, wenn sie uns eindeutig mitteilen können, dass sie so weit sind und auch wann sie eine Pause benötigen.