Ankündigungen und Erwartungssicherheit

Anne Mausolf lebt mit ihren beiden Katzen Luna und Baki in Hamburg und arbeitet dort unter dem Namen „Katzenkummer verstehen – Verhaltensberatung für Katzen und ihre Menschen“ als Verhaltensberaterin für Katzen. Als solche berät sie Dich zu allgemeinen Fragen rund um das Thema „Katzen“ und unterstützt Dich mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung bei Herausforderungen und Problemen im Zusammenleben mit Deinen Vierbeinern.

Heute erzählt sie uns alles rund um das Thema „Ankündigungen“ und warum ihr dies so am Herzen liegt.

Frage: Liebe Anne, ich weiß, dass Dir Ankündigungen im Zusammenleben mit Deinen Katzen und auch in der Arbeit mit Deinen Teams sehr wichtig sind. Magst Du uns kurz erläutern, warum?

Antwort: Ankündigungen sind so wichtig, weil sie den Katzen sagen, was als nächstes passiert. Sie verhindern Missverständnisse und sorgen für Vorhersagbarkeit – beides ist so ungemein wertvoll für Mensch und Katze, da es Vertrauen schafft und Stress mindert. Das gilt für das Gute im Leben der Katze, aber viel mehr noch für alles potenziell Unangenehme, was für oder mit der Katze passieren kann – und manchmal auch passieren muss. Das fängt im Kleinen im Alltag, z. B. bei Begegnungen oder der Fellpflege an und hört im Großen, z. B. beim Tierarzt oder Problemen im Zusammenleben auf.

Ganz besonders wertvoll sind Ankündigungssignale bei der Arbeit mit eher ängstlichen, misstrauischen Katzen, beim Einzug, wenn beide Seiten sich erst kennen und vertrauen lernen müssen oder auch bei Katzen, die nicht mehr über alle Sinne verfügen. Ankündigungen verhindern Schreckreaktionen. Und natürlich sind sie sinnvoll bei allem, was die Wohlfühldistanz der Katze unterschreitet. Diese wird im Alltag leider viel zu oft ungefragt unterschritten. Besonders weil Katzen – und hier ganz besonders Wohnungskatzen – im Zusammenleben mit uns Menschen einer sehr starken Reglementierung unterworfen sind, sie haben wenig Kontrolle über ihr Leben, sind diese Ankündigungen wichtig: Sie geben den Katzen ein wenig Kontrolle zurück, denn die Katzen haben nach der Ankündigung oft die Möglichkeit, „Nein“ zu sagen. Die Ankündigung stellt sie damit vor eine Wahlmöglichkeit, da sie wissen, was als nächstes passieren wird. Oft, aber nicht immer: Manchmal müssen Dinge mit der Katze gemacht werden, in Notfällen zum Beispiel. Aber auch, wenn die Katze keine Wahlmöglichkeit hat, helfen ihr Ankündigungen und andere unterstützende Signale, mit der Situation besser zurecht zu kommen. Ich denke da an z. B. das Markersignal oder die intermediäre Brücke.

Das Nachtlicht und die kleine Box im Hintergrund kündigen hier an, dass die Bezugsperson während beides in Betrieb ist, nicht für Interaktionen zur Verfügung steht. Das gibt dem Kater eine gewisse Erwartungssicherheit, was als nächstes passiert oder eben ausbleibt. Das minimiert Stress und Frustration.

 

Frage: Das klingt alles sehr nachvollziehbar und verständlich. Was kündigst Du Deinen Katzen alles an? Magst Du uns ein paar Beispiele nennen?

Antwort: Auch wenn meine Beiden nicht so ängstlich sind, kündige ich alles an, was das Potenzial hat, unangenehm zu werden. So sage ich z. B. „Achtung“ bevor ich nah an den Katzen vorbei gehe, wenn sie im engen Flur „im Weg“ liegen. So haben sie die Möglichkeit, entweder still liegen zu bleiben, wenn sie sich mit der Situation wohlfühlen oder aufzustehen, wenn sie es nicht mögen, wenn Füße sehr nah neben ihren Körperteilen auftreten. So werden Unfälle und Stolpern vermieden. Bei der Fellpflege kündige ich an, dass ich jetzt bürsten möchte, da es ziepen könnte. Wie viele andere Katzen mögen meine beiden nicht, wenn es laut wird, z. B. der Fön, Staubsauger oder Mixer Krach macht. Dann sage ich „Es wird laut“, warte einen Atemzug und stelle erst dann das Gerät an. Nach wenigen Wiederholungen haben sie es verstanden und gehen in andere Räume oder auf ihre Wohlfühlplätze, um dem Lärm auszuweichen oder ihn zumindest abzumildern. Meine beiden werden geschoren, auch die Schermaschine wird angekündigt, ebenso das Hochheben der Katze auf den Arm oder das Anheben der Katze in der Transportbox.

Mit meinen Teams kündigen wir – je nach Thema, das bearbeitet wird – noch andere Dinge an: Im Tierarzttraining sagen wir der Katze u. a., dass sie gleich mit einem Gegenstand oder von einer fremden Person berührt wird. Bei Katzen mit Ängsten vor benennbaren Auslösern benennen wir – soweit es möglich ist, diese vorherzusagen – diese Auslöser. Hat die Katze zum Beispiel Angst, wenn ein Mensch aufsteht oder einen bestimmten (meist engen) Raum betritt, wird das Aufstehen bzw. Betreten des Raumes angekündigt. Bei Katzen, die Angst vor Besuchern haben kündigen wir das Betreten der Wohnung durch fremde Menschen an. Auch wenn eine Katze auf dem Schoß schläft, ist es eine schöne Geste, nicht einfach aufzustehen oder die Katze vom Schoß zu heben, sondern vorher das Aufstehen anzukündigen. Ebenso das Hochheben: Es ist nie ein gutes Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, schon gar nicht, wenn es unvorhersehbar und plötzlich passiert. Je nachdem, mit welchem Thema das Team gerade zu tun hat, unterscheiden sich auch die Ankündigungen, die Anzahl der Worte und die Situationen, die angekündigt werden.

Eine weitere Sache, die ich immer ankündige, ist das Ende einer Interaktion – sei sie angenehm oder unangenehm. Bei angenehmen Dingen weiß die Katze dann, dass sie sich jetzt wieder anderen Dingen widmen kann und ihre Erwartung an eine weitere Interaktion wird nicht enttäuscht. Bei unangenehmen Dingen weiß sie, dass sie es überstanden hat, auch wenn z. B. der Tierarztbesuch noch weitergeht und vielleicht eine Besprechung von Ergebnissen folgt, bei der die Katze aber nicht mehr involviert ist.

 

ankündigung es wird laut from Anne Mausolf on Vimeo.

Im Video sehen wir das Ankündigungssignal fürs Staubsaugen. Beide Katzen entscheiden sich, zu bleiben, Baki auf dem Teppich und Luna außerhalb des Bildausschnitts auf ihrem Sessel. Zusätzlich zur Ankündigung setze ich Markersignal und Belohnung ein, um das ursprünglich beängstigende Geräusch des Saugers positiver zu verknüpfen.

 

 

Frage: Wow, das ist ja eine ganze Menge! Wozu dienen denn die Ankündigungen? Welche Auswirkungen haben sie auf die Katze und ihre Menschen?

Antwort: Die Kraft dieser einfachen Maßnahme ist wirklich nicht zu unterschätzen. Katzen, die sonst bei jedem Klingeln panisch unter das Bett laufen, können liegen bleiben, weil sie wissen, dass niemand in ihre Wohnung eindringen wird. Katzen, die sich sonst winden, wenn sie hochgehoben werden, bleiben ruhig, weil sie genau wissen, was passiert. Katzen, die nach den Hosenbeinen der nah vorbeilaufenden Menschen angeln, bleiben ruhig liegen oder gehen aus dem Weg. Katzen beim Tierarzt finden die Untersuchung und Behandlung zwar immer noch nicht toll, aber können viel besser aushalten, was da passiert, weil sie einfach wissen, was als nächstes kommt, diese ungewisse Angst fällt weg. Und sie wissen, wann es vorbei ist und können sich dann besser und schneller wieder entspannen. Alles in allem gibt es so weniger Stress, weniger Schreckreaktionen, weniger enttäuschte Hoffnungen und Frustration, weniger Missverständnisse zwischen Mensch und Katze und somit mehr Erwartungssicherheit, mehr Vertrauen und mehr Verstehen und Kommunikation untereinander.

Frage: Du sprichst die steigende Erwartungssicherheit und die Minderung von Stress für die Katze an. Welchen Effekt hat dies auf das Vertrauen zur Bezugsperson und die Bindung untereinander?

Antwort: Das ist eine ganz einfache Rechnung: je weniger negative Emotionen in der Beziehung zur Katze auftauchen, desto schöner ist es, desto besser und schneller können Vertrauen und Bindung wachsen und desto schneller und enger wachsen Mensch und Katze zu einem gut geölten, harmonischen Team zusammen.

Na, das sollte doch eigentlich im Interesse jeder Katze-Mensch-Beziehung sein! Super, vielen Dank für Deine Antworten und die Zeit, die Du Dir für dieses Interview genommen hast.

Wie Du siehst, Ankündigungen sind eine enorme Erleichterung im Alltag und eine großartige Ergänzung im Training mit Deiner Katze. Wenn Du dazu noch Fragen an Anne hast oder Unterstützung benötigst, melde Dich gerne unter info@katzenkummer-verstehen.de.